Für die Aussicht hat es sich gelohnt den steilen Hügel hinaufzuquälen.
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Woche 1 geht zu Ende: Gratis Zug fahren?

Von Castiglione dei Pepoli haben wir nicht mal 10 Minuten an der Straße gewartet, schon hat ein Typ angehalten. Tobi meinte schon, als das Auto auf uns zugekommen ist: „Das hält jetzt und nimmt uns mit.“ Und so war es dann auch.

Wir sitzen im Auto, Tobi vorne, ich hinten. Der Fahrer hat sich als Andrea vorgestellt und kommt von Prato, der Nachbarsgemeinde von Florenz. Er hat eine Glatze und ist wohl selbst auch viel gereist.

Wir lauschen seiner Erzählung von Sarajewo: „Ihr müsst euch vorstellen; dort tragen die Männer die Kinder und kümmern sich um ihnen! Die Frau hat das Sagen!“ Die Stadt soll laut ihm ziemlich Multi-Kulti und auf alle Fälle lohnenswert sein sich anzuschauen.

Wir sind jetzt auf toskanischem Boden!

In Vernio am Bahnhof steigen wir aus; von hier wollen wir morgen mit dem Zug bis nach Florenz fahren. Zu sehen gibt es im Ort nicht viel. Also machen wir uns sofort auf, den großen steilen Hügel zu erklimmen, den wir bereits vom Auto aus gesehen haben.

Von hier unten haben wir nämlich schon erkannt, dass weiter oben Wald sein muss. Und Wald ist immer gut, um beim Feuermachen nicht gesehen zu werden.

Eine Stärkung braucht's
Die Blüten sind nicht nur Deko, sondern essbar

Es ist quälend heiß und richtig anstrengend mit 15kg auf dem Rücken den Hügel hoch zu stapfen. Sobald wir oben ankommen, sind wir mehr als froh darüber. Wir suchen eine gute Stelle und beginnen das Feuer zu entfachen.

Ich habe so Angst, dass jemand kommt und uns sieht. Zum Glück ist unser Reis (mit Margeriten!) relativ schnell gekocht und wir können das Feuer ausmachen.

Heute schlafen wir in gewaltiger Schieflage; der Blick von oben auf die Lichter von Vernio ist aber Ablenkung genug, um dann doch einzuschlafen.

Krass: Bereits die 2. Woche bricht an

Sobald ich aufwache merke ich: mein ganzes Gesicht juckt. Im Spiegel meines Kosmetikbeutels sehe ich, dass ich überall Pusteln habe! So als hätte ich mich eine Woche nur von Pommes ernährt. Haben die Stechmücken doch tatsächlich ausgenutzt, dass ich nirgendwo das Netz aufspannen konnte!

Naja mir bleibt nichts anderes übrig als das zu machen, was ich die anderen Tage auch gemacht habe: Das Zeug zusammenpacken und los geht’s.

Tja, Lügen haben kurze Beine…

Unser Plan für heute ist zum Bahnhof zu gehen, dort die Powerbank aufzuladen und dann den Zug nach Florenz zu nehmen. An der Steckdose scheitert unser Vorhaben nicht. Sobald wir aber zum Bahnsteig gehen, um dort auf den Zug zu warten, steht da schon der Kontrolleur.

Er möchte von allen jetzt schon das Ticket sehen. Tobi hat keins (ich kann mit den Regionalzügen gratis fahren; warum würde hier den Rahmen sprengen); mir fällt nichts besseres ein zu sagen als: „We are waiting for friends.“

Der Zug fährt ein, der Kontrolleur blickt zu uns, ich tu so als würde ich meine Freunde anrufen wo sie denn bleiben, damit unsere Lüge nicht komplett offensichtlich ist. Soooo unangenehm!

Eine Stunde später versuchen wir erneut unser Glück. Dieses Mal sehen wir nirgendwo ein Kontrolleur, aber ein schlechtes Gewissen habe ich trotzdem (obwohl eigentlich Tobi der ohne Ticket ist).

Nach gefühlt einer Stunde kommen wir endlich in Prato an. In einem Chinaladen kaufen wir uns um 1€ Wolle, von dem Geld das wir letztens bekommen haben. Wir haben nämlich schon wieder einen Plan!

Was haben wir jetzt schon wieder vor?

Unsere neue Idee ist Armbänder zu knüpfen und diese dann zu verkaufen. Ok, verkaufen ist vielleicht das falsche Wort: Wenn Tobi und ich ein paar Münzen brauchen (beispielsweise fürs Wäsche waschen), werden wir Leute um Kleingeld fragen im Tausch für so ein Armband. So viel zur Theorie.

Wir knüpfen mit der Wolle Bänder.

Für die Umsetzung müssen wir zuerst mal die Bänder knüpfen. Ein paar Straßen weiter ist eine Art Park bzw. Grünfläche; dort setzen wir uns nieder. Wir packen die Wolle aus und weil Tobi nicht weiß wie flechten funktioniert, starte ich mit meiner Vorführung.

Mir fällt auf wie sehr ich das Flechten vermisst habe. Bei meiner Glatze ist es schließlich schwierig, Zöpfe wie früher zu knüpfen. Es wird wohl noch dauern bis meine Haare wieder so lang sind.
Nach meinen nostalgischen 5 Minuten, wollen wir uns was zum Essen besorgen.

Wir gönnen uns

Andrea hat uns ein paar ganz günstige Asia-Lokale hier in Prato genannt, was sich jetzt als sehr nützlich erweist. Wir können nämlich keine Bäckerei ausmachen, die jetzt schon schließt und uns was vom Übriggebliebenen gibt.

Ich bin ziemlich fertig von letzter Nacht, den ganzen juckenden Stichen im Gesicht und der Zugfahrt. Deshalb ist die Erleichterung groß, als wir endlich das chinesische Lokal betreten. Wir haben schon eine Woche so gut wie kein Salz, Pfeffer, Öl gegessen; den Geruch hier nehme ich 1.000x intensiver wahr. Und den Geschmack erst!

Echt gruselig!

Mit vollgeschlagenen Bäuchen stapfen wir wieder zurück zu dem Platz, wo wir heute unsere Armbänder geknüpft haben. Wir stellen fest, dass es der optimale Schlafplatz für uns ist: Eine hohe Mauer verläuft rundherum und schirmt Blicke und Geräusche der Straße ab.

Naja, so optimal ist er dann trotzdem nicht. Ich habe nämlich nicht damit gerechnet, dass auch andere Leute hierher kommen. Ein Mann dreht mit seinem Hund eine Runde auf der Wiese; langsam nähert er sich uns.

Da wir schon im Schlafsack liegen, heben wir nur unsere Köpfe, um zu sehen was der Mann macht. Er blickt mit zusammengekniffenen Augen auf uns, und erschrickt mächtig als wir hallo zu ihm sagen. Ich glaube er hat nicht damit gerechnet, dass da Leute liegen xD

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