Sonnenuntergang
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23./24. Juli: Wenn ein 75-Jähriger mehr Kondition hat als wir 20-Jährigen

Fit wie ein Turnschuh, wache ich heute auf. Wir schaffen es wieder vor 8 Uhr zu starten, wobei der Weg heute generell nicht anstrengend ist.

Nach einiger Zeit taucht vor uns ein älterer Herr auf; bestimmt um die 75 Jahre alt. Er kommt von Frankreich. Von dort bis hierher hat er nur ein Monat gebraucht! Was mir auffällt ist sein geringes Gepäck; er hat einen Minirucksack von vielleicht 8kg!

Weil wir langsamer sind als der Franzose, verlieren wir ihn aus den Augen (ich würde ja gerne behaupten es liege an seinem wenigen Gepäck, aber ich glaube er hat einfach mehr Kondition…). Vor dem Etappenziel Acquapendente geht der Weg steil nach oben. Sofort habe ich ein Déjà vu von vor 2 Tagen, wie wir uns bis Radicofani hinauf gequält haben.

In der Ortschaft bekommen wir ein Brot, Kekse und… sogar 5€ von einer ganz lieben Frau. Nach dem Mittagessen setzen wir uns in die Bibliothek; es ist nämlich erstickend heiß. Tobi meint dieses Klima kenne er gut von den Gewächshäusern, als er noch als Gärtner gearbeitet hat. Also ich könnte mir nicht vorstellen bei den Temperaturen zu arbeiten…

Jugendliche pöbeln uns an

Zunächst stöbern wir in der Bibliothek ein bisschen herum und stecken dann unsere Powerbank und Handys an. Vom Fenster -neben dem wir sitzen- hören wir plötzlich laute Musik. Draußen hängen einige Jugendliche ab, rauchen und belästigen uns durch ihre laute Mucke.

Als sie die Musik noch lauter drehen, kommt die Bibliothekarin zu uns. Sie hat wohl gedacht, dass wir diejenigen sind, die so einen Krach machen. Ganz erstaunt geht sie zu den Jugendlichen und bittet diese leiser zu sein, weil man den Lärm durch das Fenster hört.

Sobald ich zu den Halbwüchsigen rausschaue, glotzt einer zurück und pöbelt mich an was ich denn wolle. Er glaubt wohl cool zu sein, doch ich bin grundsätzlich friedlich gestimmt und lasse mich nicht darauf ein.
Plötzlich kommt in mir der Gedanke hoch, sie könnten uns abpassen. Ich finde nämlich alkoholisierte, bekiffte Menschen schwierig einzuschätzen.

Aber als wir später die Bibliothek verlassen, um Acquapendente anzuschauen, sind die Halbwüchsigen zum Glück verschwunden. Tobi und ich bekommen bei einem Geschäft soviel zu essen, dass wir gar nicht weitere Läden fragen brauchen. Wahrscheinlich haben wir sogar für morgen noch genug.

Ein schöner Abschluss

Wir beschließen noch ein Stück des Pilgerwegs zu gehen, um einen Schlafplatz zu finden. Da ich noch Duschen möchte und ziemlich müde bin, würde ich mich am liebsten sofort irgendwo hinlegen. Sobald ich den ersten guten Platz sehe, dränge ich Tobi stehen zu bleiben, aber er möchte noch weiter.

Nach langer Diskussion bleiben wir dann endlich neben einer Art Bauernhof (?) und packen unser Zeug aus. Wir haben es gerade noch geschafft den Sonnenuntergang zu sehen; “duschen“ muss ich mich im Dunkeln, was mich schon ein bisschen ärgert.

Ich versuche das Ganze aber positiv zu sehen: Wären wir früher stehen geblieben, hätte ich vielleicht noch im Hellen “duschen“ können. Wahrscheinlich hätten wir aber dann keine so gute Sicht auf den wunderschönen Sonnenuntergang gehabt.

Sonnenuntergang von unserem Schlafplatz aus

24. Juli: Ich werde aus dem Schlaf gerissen

Das erste was ich höre ist: „Betti, Betti, die Schafe kommen!“ Ganz benommen blicke ich mich um. Mein Gehirn versucht die gegebenen Informationen mit dem Bild, das ich sehe irgendwie zu kombinieren.

Langsam kapiere ich was los ist: Neben mir steht eine Frau. Wahrscheinlich ist sie die Hirtin, denn hinter ihr steht eine Herde Schafe. Wahrscheinlich müssen diese auf die Weide oder zum Stall. Wir haben uns nämlich so platziert, dass wir den Durchgang versperren…

Schnell packen wir alles zusammen und entschuldigen uns nochmals höflich bei der Hirtin. Diese reagiert aber ganz anders, als ich es erwartet hätte: Sie regt sich gar nicht auf, sondern entschuldigt sich, dass sie uns aufgeweckt hat!

Fast so wie Urlaub

Dass wir schon um 7 Uhr losstarten, hätte ich nicht gedacht. Dementsprechend fühle ich mich auch: Meine Füße machen ihren Job, aber mein Gehirn meldet die ganze Zeit ich soll schlafen gehen.

Der Bolsenasee mit einer Palme

Als wir den Lago di Bolsena erreichen, ist meine Wahrnehmung wieder voll da. Es fühlt sich fast schon wie Urlaub an; am See zu chillen, abwechselnd in der Sonne zu baden und schwimmen zu gehen.

Am späten Nachmittag hören wir ein Flugzeug kommen, das immer wieder ganz knapp über dem Wasser fliegt. Ich denke mir nicht viel dabei, weil ich glaube es mache einen Rundflug für Touristen. Als das Flugzeug zum 5. Mal kommt, sage ich zu Tobi: „Langsam reicht’s. Das Flugzeug ist so penetrant. Können die nicht endlich aufhören?!“

Schließlich lese ich auf den Tragflächen Vigili del fuoco (Feuerwehr) xD Jetzt verstehe ich’s: Oberhalb von uns ist ein Waldbrand und mit dem Flugzeug holen sie hier das Wasser! Wieder Mal zu schnell geurteilt, ermahne ich mich.

Sobald die Sonne tiefer steht, gehen wir ins Zentrum von Bolsena. Bei einem Bäcker bekommen wir ein riesen Stück Pizza, das sie sonst weggeworfen hätten. Tobi und ich freuen uns natürlich darüber.

Wir haben so große Gelüste auf ein Eis, dass wir uns überwinden bei einer Eisdiele zu fragen. Wenig später stehen wir ganz erstaunt mit jeweils einer Kugel vor dem Laden. Tobi und ich können es kaum fassen und grinsen uns glücklich an. Dass das so leicht geht, hätten wir nicht gedacht. Mich hätte es nämlich nicht erstaunt, wenn der Besitzer unsere Bitte abgelehnt hätte.

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