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14./15. August: Simone erzÀhlt uns wie das Erdbeben damals wirklich war

Nur weil einer der Kunden Mitleid mit Tobi und mir hatte, sitzen wir jetzt draußen vor der Bar und verspeisen gierig unser FrĂŒhstĂŒck. Danke an den Mann fĂŒr das Brioche :*

Von Aquila bis hierher sind wir zu Fuß gegangen; immer auf der Hauptstraße! Unangenehm war es schon, denn die Autos haben dementsprechend gehupt. Ich glaube da ist noch nie ein FußgĂ€nger entlang marschiert xD

Auch hier werden wir wahrscheinlich in Erinnerung bleiben…

Als wir zu Mittag in der nĂ€chsten Ortschaft ankommen, knurrt bereits unser Magen. Also holen Tobi und ich uns in einem Supermarkt fĂŒr unter 1€ (SchnĂ€ppchentag heute, was?) konservierte Kichererbsen.

Bis zum Bezahlen ist noch alles normal, doch kaum habe ich die Dosen eingepackt und drehe mich um, sehe ich Tobi beim Notausgang rausgehen! Es ist bereits zu spĂ€t, um ihn zurĂŒckzuhalten…
Ich denken mir nur “Bitte.geht.jetzt.nicht.der.Alarm.los!“ Innerlich ist bei mir aber schon alles auf das hohe Schrillen eingestellt…

Als ich aber nach ein paar Sekunden immer noch nichts höre, bin ich erstaunt. Ich verlasse schnell das GeschĂ€ft und gehe zu Tobi. „Alter, du kannst doch nicht beim Notausgang rausgehen?!“, mache ich ihm vorwurfsvoll klar. Doch Tobi war wieder mal in einer ganz anderen Welt und hat nicht mal kapiert, dass er gerade den Notausgang benutzt hat…

Ich bin nur heilfroh, dass entgegen dem Schild, das auf der TĂŒr angebracht war, KEIN ALARM losgegangen ist…

„Du verlierst von einem Tag auf den anderen einfach alles“

Nachdem ich mir vor dem Bahnhof noch die Beine rasiert habe (mittlerweile ist mir nichts mehr zu blöd xD), suchen Tobi und ich uns einen guten Ort fĂŒr eine Mitfahrgelegenheit.

Schon bald hÀlt ein Mann Mitte 30 an und sagt er fahre nach Teramo. Da das genau unsere Richtung ist, steigen wir ein. Nach einiger Zeit Smalltalk meine ich, jetzt wo Tobi und ich in Aquila gewesen sind, ist es schade keine Gelegenheit gehabt zu haben mit jemanden zu reden, der das Erdbeben persönlich miterlebt hat.

Kurzes Schweigen. Dann Simone (der Fahrer): „Dein Moment ist gekommen.“ Ich ganz perplex: „Wie jetzt?! Du hast das Erdbeben selbst erlebt?“

Ich bin ganz schockiert und neugierig zugleich, als Simone beginnt von seinen Erfahrungen zu erzĂ€hlen: „Man kann gar nicht beschreiben, wie das ist… Du verlierst von einem Tag auf den anderen einfach alles. Nicht nur dein zu Hause, auch deinen Alltag, deine Struktur. Und es geht nicht nur dir so. Bei allen anderen in der Umgebung ist es dasselbe.

Von April bis November habe ich in einem Zelt gelebt; Dusche, Klo und alles mussten wir teilen. Auch wenn man zur Regierung sagt, man baut mit seinem eigenen Geld wieder sein Haus auf, darf man das nicht. Das MilitĂ€r bewacht die Ruinen, weil es zu gefĂ€hrlich wĂ€re.“

Simone glaubt aber auch, ihn hat es wahrscheinlich weniger getroffen als andere. Er hat nĂ€mlich in Aquila „nur“ studiert und die Stadt war nicht sein Heimatort.
Trotzdem kann ich mit vorstellen, wie unglaublich schmerzvoll diese Erfahrung gewesen sein muss. Ich finde es total mutig, dass Simone ĂŒberhaupt darĂŒber spricht…

Kein GlĂŒck in Teramo

In Teramo muss ich zuerst mal Simones ErzĂ€hlungen verdauen, weshalb wir uns fĂŒr einen gemĂŒtlichen Spaziergang durch die Stadt entscheiden. Als es am spĂ€ten Nachmittag anfĂ€ngt zu regnen, mache ich mir bereits Sorgen wegen unseren Schlafplatz.

Der Blick in den Himmel sagt mir nÀmlich, dass es nicht so schnell aufhören wird. So ist es dann auch: Am Abend ist der ganze Untergrund nass. Auf einer Wiese breiten Tobi und ich uns aus, das Tarp packen wir sicherheitshalber auch aus.

Da es aber nirgendwo aufzuspannen geht, breiten wir es nur ein wenig ĂŒber unsere SchlafsĂ€cke aus. Wenn es bis jetzt so heftig geregnet hat, wird es wohl hoffentlich in der Nacht nicht auch regnen…#UnsereLogik

Voll erwischt: ALLES ist klatschnass

Aber unsere Logik hat sich als totaler Reinfall erwiesen: Immer wieder bin ich aufgewacht, weil es mir ins Gesicht geregnet hat. Habe ich das Tarp aber ĂŒber mein Gesicht gelegt, bin ich fast erstickt. #thestruggleisreal

Kaum bin ich aufgewacht, realisiere ich: Alles ist nass. Der Rucksack, mein Schlafsack, die Klamotten, die Schuhe, ALLES. Tobi hat es weniger erwischt. Doch was soll man machen… Wir packen trotzdem alles in unsere RucksĂ€cke und brechen auf. GlĂŒcklicherweise scheint wenigstens ein bisschen die Sonne, die uns aufwĂ€rmt.

Wir haben es total vergessen

Auf den Weg zu einer Wasserstelle, laufen Tobi und ich an einer BĂ€ckerei vorbei. Ein bisschen verwundert stellen wir fest, dass diese geschlossen hat. „Wahrscheinlich macht sie erst spĂ€ter auf“ ist meine Schlussfolgerung.

Weil wir auch keinen Brunnen oder Sonstiges zum AuffĂŒllen unserer Wasserflaschen finden, machen wir uns fĂŒrs Trampen bereit. Schon nach kurzer Zeit nimmt uns ein Ă€lterer Herr bis Giulianova mit.

Die Stadt liegt am Meer und Tobi und ich freuen uns tierisch darauf zum 1. Mal auf dieser Reise das Meer zu sehen. Doch zuerst mĂŒssen wir eine WĂ€scherei finden. Weil angeblich keine andere offen hat, bezahlen wir missmutig die geforderten 5€. Nicht mal eine Steckdose ist vorhanden, um unsere Handys aufzuladen!

Doch lange Ă€rgern kann ich mich darĂŒber nicht. Denn mein Hals schreit mittlerweile förmlich nach Wasser. Aber auch in Giulianova scheint nirgends eine Wasserstelle zu sein. Das gibt es doch nicht?!

Tobi und ich entdecken einen kleinen Obstmarkt, wo wir nach dem nĂ€chsten Brunnen und einer BĂ€ckerei fragen. VerstĂ€ndnislos schĂŒttelt die VerkĂ€uferin den Kopf und sagt zu uns: „Aber es ist doch Ferragosto?!“

Wie Schuppen fĂ€llt es mir von den Augen: NatĂŒrlich! Heute ist ja Feiertag! Einer der wichtigsten in ganz Italien! Deshalb hatten alle LĂ€den geschlossen! Na Prost, Mahlzeit: Wie sollen wir jetzt an Essen kommen???

Doch gibt es ein Problem, ist Rettung nahe. Einer der anderen VerkĂ€ufer auf dem Markt hat mitbekommen, dass Tobi und ich ziemlichen Durst und Hunger haben und gibt uns tatsĂ€chlich 2 Flaschen Wasser und was zu Essen! So unglaublich lieb 🙂 Wir können ihm gar nicht oft genug danke sagen, so froh sind wir um seine Hilfe.

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